Das Heilkleid

Mein Heilkleid hat zwei Beine und auf der linken Schulter fünf Knöpfe. Es ist dehnbar und von einem Rot, das der Hersteller ruby nennt. Ein Gürtel gehört auch dazu.

Als es im Februar mit einem Mal so beinah frühsommerlich warm ist, sehe ich es im Vorübergehen in einem Schaufenster – und erkenne es in diesem Moment. 

Seit ich es besitze, weiss ich, dass es ein Heilkleid ist.

Ein Heilkleid ist ein Kleid, in dem ich heil bin.

Im Heilkleid bin ich heil. 

ganz

unversehrt

Das ist seine Gabe.

Zur Medizingabe passt, dass es einen gewissen Widerstand gibt. Vielleicht gerade, weil es so dehnbar ist.

be big, sagt es.

Aus dem Südasien-Institut der Universität Heidelberg kommt der 5 Pfund schwere Bildband, in den die Bibliothekarin vor meinen Augen den Fernleihzettel dort ins Buch legt, wo das Hochzeitsfoto des Malers abgebildet ist. Weil ich es kaum erwarten kann, das Buch anzuschauen, setze ich mich vor der Bibliothek auf eine Bank in der Abendsonne und blättere es durch. Mir steigen Tränen in die Augen und ich frage mich, ob das jetzt nicht etwas übertrieben ist. I wo. Wie der Säugling die an ihn gerichtete Rede gewahrt, ohne deren Sinn zu verstehen, schaue ich auf diese Bilder, die ich nicht verstehe und spüre doch, wie sie zu mir sprechen.

Das Fenster ist klein. Ich schmeiße das Riesen-Ego zu diesem kleinen Fenster raus.

Mit bunten Stiften zeichne ich dem Hirschmann Adam und Eva en miniature. Mein Glück ist grenzenlos.